Das Problem der Abwesenheit

6. Mai 2008

Beim Barcamp Leipzig ist es mir wieder besonders aufgefallen: Kaum einer ist völlig präsent. Fast alle befinden sich, während man einen gemeinsamen Tag oder Abend verbringt, noch in anderen Sphären. Ich nehme mich da nicht aus. Wir schreiben Twitter-Updates, checken Mails – und selbst wenn wir mal kein Gerät als Kommunikationsbarriere vor der Nase haben, sind wir mit unseren Gedanken woanders, auf jeden Fall nicht anwesend.

(Disclaimer: Ich finde Twitter toll. Und werde weiterhin meine Mails unterwegs abrufen. Aber Multitasking ist womöglich der größte Selbstbetrug des Jahrzehnts.)

Beim Versuch, Uni, Firma und Privatleben im Kalender unterzubringen erwische ich mich andauernd dabei, während der einen Aufgabe schon oder noch gedanklich bei der anderen zu sein. Die Folge ist ein permanent schlechtes Gewissen und eine unproduktive Form von Stress, unter deren Einfluss man keiner Aufgabe wirklich gerecht werden kann und – noch schlimmer – nicht richtig genießt. Ich leihe mir mal ein paar Worte (und danke Anja fürs zumailen):

„Das Hechelnde ist jedenfalls keine Zeitform, die dem Denken gut bekommt. Dort, wo das Hecheln im Medien- und Bildungsbetrieb die Leitgeschwindigkeit geworden ist, hat nicht nur der öffentliche Intellektuelle ein Fokus-Problem. Dort hat jedwedes Denken ein Fokus-Problem, jedenfalls ein solches Denken, aus dem Urteilskraft und nicht das Abhaken irgendwelcher Stichworte spricht. Dort, wo Zeiterfahrung nur noch als Fristerfahrung vorkommt, hat das Denken in übergreifenden Perspektiven kaum Chancen. Damit wird aber auch der Unterschied zwischen „wichtig“ und „dringlich“ eingeebnet. Alles Dringliche wird für wichtig gehalten, das Wichtige selbst gerät aus dem Blick, weil die Last des vorher „zu Erledigenden“ es gleichsam erdrückt. Übrig bleibt das unbestimmte Gefühl, das man zu „nichts“ mehr kommt- weder im Handeln, noch im Denken.“
(Christian Geyer)

Wer versucht, alles mitzunehmen und überall zu sein, der kommt nirgendwo an. Mein Vorsatz für die Zukunft: anwesend sein. Mehr ausblenden um dem Hier und Jetzt gerecht zu werden.

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Den Überblick behalten: Einrichtung eines Blog- und Twitter-Monitoring-Cockpit

16. April 2008

Dass Microblog-Monitoring für das Issue Management äußerst nützlich sein könnte, habe ich schon im letzten Post angedeutet und Tools vorgestellt, wie sich der führende Dienst Twitter nach Themen und Marken durchsuchen lässt. Mit explodierenden Nutzerzahlen gewinnt der Dienst als Ursprung von Themenkarrieren und Echtzeit-Seismograph rasant an Gewicht.

Wer nun aber täglich aktiv Blogs und Microblogs nach seinen Themen durchsuchen will, ist gut beschäftigt. Bequemer ist es, sich einen Überblick frei Haus liefern zu lassen. Ein einfacher und kostenloser Ansatz ist ein „Monitoring-Cockpit“, wie ich es nutze. Ziel ist, möglichst schnell und zuverlässig über aufkommende Themen informiert zu sein. Dazu werden relevante Suchworte identifiziert, geeignete Suchmaschinen für die gängigen Blogs und Microblogs eingerichtet und die gewonnenen Feeds an einer Stelle gesammelt. Die Kommentare bei Mike Schnoors Corporate-Blog-Howto haben mich zu dieser Anleitung angeregt:

Themen auswählen

Im ersten Schritt sammle ich Themen, die ich monitoren oder „tracken“, also nachverfolgen will. In meinem Fall ist das alles, was mich, meine Projekte und die meiner Kudnen angeht. Ich suche nach meinem Namen (Vor- und Nachname, würde ich bei häufiger vorkommenden Nachnamen als Ausdruck in Anführungszeichen oder in Verbindung mit Ort oder Firma machen) meinem Nickname und beispielsweise für sonntagmorgen Kaffee nach dem Markennamen (gleichzeitig die Domain), dem Begriff Kaffee u.a. und den Marken einiger Mitbewerber.

Suchdienste einrichten

Nun weiß ich, was ich suche, aber wo? Hier geht es um Social Media, deshalb lasse ich klassische Newsdienste außen vor. Beim Blogmonitoring ganz vorn dabei ist Technorati. Standardmäßig zeigt die Blogsuchmaschine nur Blogs an, die bereits von einigen anderen Blogs verlinkt werden. Um alle erfassten Blogs zu durchsuchen, ändere ich die sogenannte Authority auf „any“. Technorati erfasst nur angemeldete Blogs, daher nehme ich Google Blogsearch hinzu.

Den Microblog-Platzhirsch Twitter durchsuche ich mit Tweetscan. Update: Die besseren Filterfunktionen bietet Summize. Für Pownce und Jaiku sind mir nur das Google-Mashup PownceSearch (Suchmaske hier) und die Jaiku Channels bekannt. Letztere sind aber nur ein Verschlagwortungssystem. Ersatzweise hilft eine einfache, auf die Jaiku-Domain beschränkte Google-Suche, wie hier als Beispiel zum Thema Kaffee. Der Haken: Für Pownce und Jaiku lassen sich keine Feeds auslesen, und die sind wichtig, um nachher alles auf einen Blick zu bekommen. Weiß jemand Möglichkeiten, die beiden Dienste noch abzudecken?

Ergebnisse zusammenfassen

Ich habe jetzt Suchergebnisse zu meinen Themen aus verschiedenen Quellen, die sich per Feed auslesen lassen. Die könnte ich natürlich alle einzeln mittels Feedreader oder Live Bookmark abonnieren. Übersichtlicher wird’s mit Diensten wie Feedraider oder iGoogle, bei denen man personalisierte Seiten aus verschiedenen Feeds zusammenstellen kann. Ich nutze Feedraider und stelle die Ansicht „River“ gelegentlich in der Sidebar von Firefox dar, um sie im Blick zu behalten. Die beiden Erweiterungen Sidebar On Right (selbsterklärend) und Reload Every (automatische Aktualisierung) helfen dabei. Mehr dazu im Artikel „The Ultimate Twitter Client„.

Gerade die Webseiten-basierten Dienste bringen eine gewisse Verzögerung mit sich. Man will vielleicht auch nicht immer Screenspace dafür opfern und auf einem mobilen Endgerät sind sie unpraktisch. Eine Alternative ist es, die Feeds mit Feedblendr zu einem einzigen Feed zusammenzufassen, den man dann wieder als Live Bookmark oder im Feedreader auslesen kann. Vorteilhaft ist, dass es einem in einem Feedreader auch leichter fällt, Artikel zu archivieren oder weiterzuleiten.

Um jemanden, der mit dem Umgang mit RSS nicht vertraut ist, auf dem Laufenden zu halten, bietet sich SendMeRSS an. Der Dienst verschickt beliebige Feeds als E-Mail.

So präpariert sollte es einem wie Chuck Norris bei Google gehen. Ein so zusammengestelltes Tool ersetzt natürlich nicht die Recherche von Experten, vor allem bietet es nur die reine Information, keine Bewertung und keine Handlungsempfehlung. Es hilft aber, um sich der eigenen Position bewusst zu werden, und nötigenfalls Maßnahmen zu ergreifen.

Mich würden Alternativen und Ergänzungen sehr interessieren. Welche Publikationen und Suchdienste habe ich vergessen?


Microblog-Monitoring-Möglichkeiten

8. April 2008

Arme Unternehmen, arme Berater. An dieses neue, unkontrollierbare und schwer durchschaubare, vor allem aber verdammt schnelle Ding namens Blog hat man sich so gerade gewöhnt, und nun kommt dieses Twitter daher wie Blogs auf Extasy. Die institutionalisierte Abwesenheitsmitteilung, die Nebensächlichkeiten der ganzen Welt, wildes Gezwitscher. Was machen wir damit? Am besten erst mal ignorieren: „Irrelevant, was soll auf 140 Zeichen schon passieren?“

Zwei Beispiele belehren uns eines besseren: Die Nachricht vom Konflikt zwischen erstiVZ und studiVZ wegen angeblicher Markenrechtsverletzungen machte zunächst bei Twitter die Runde, bevor sie nach und nach Einzug in die Blogs hielt. Erst als Spiegel Online anrief, zog studiVZ die Bremse. Twitter war über die ganze Dauer Motor und Seismograph der Diskussion.

Manch ein amerikanisches Unternehmen ist da schon weiter, wie Michael Arrington von Techcrunch schreibt: Der DSL-Provider Comcast beobachtet Twitter offenbar sehr genau. Bei einem Netzausfall und nach fruchtloser Zeit an der Hotline des Anbieters machte Arrington seinem Ärger bei Twitter Luft. Daraufhin rief ihn ein Comcast-Mitarbeiter an, die Störung wurde umgehend behoben.

Was kann die Unternehmenskommunikation unternehmen? Die Antwort kann nicht in jedem Fall lauten, sich in den Brandherd zu setzen. Selbst twittern ist die Kür, dieses Instrument muss zur Marke und ihrem Kommunikationsstil passen, braucht ein wenig Fingerspitzengefühl und Zeit. Finger weg, wenn das nicht gegeben ist. Ein wenig Beobachtung kann aber nicht schaden. Von der Public Timeline, in der ungefiltert sämtliche weltweiten Nachrichten dargestellt werden, sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen. Eine Reihe von Monitoring-Instrumenten erleichtert die Beobachtung, auch ohne selbst bei Twitter angemeldet zu sein.

Wer sich einen Überblick darüber verschaffen will, welche Themen, Firmen und Produkte bei Twitter gerade heiß diskutiert werden, kann das bei Twitterverse tun. In einer Tagcloud werden dort die meistgenannten Worte gelistet. Den Vergleich der Nennungshäufigkeit mehrerer Schlagworten ermöglicht Tweetvolume, zum Beispiel zwischen „Clinton“ und „Obama“. Dass Obama weit vorne liegt, überrascht nicht. Er bedient die internetaffinere Klientel und betreibt auch bei Twitter die bessere Kommunikation. Zum Beispiel indem er seine Fans nach den Regeln der Attention Economy belohnt: Jede „follow“-Anfrage wird ebenso beantwortet.

Über die reine Quantität hinaus gehen Schlagwort- und Suchdienste: Hashtags sammelt alle Tweets (Twitter-Nachrichten), die mit „#Schlagwort“ zugeordnet wurden. Allerdings müssen die erfassten User zuvor einen bestimmten Twitter-Account zu ihren Freunden hinzugefügt haben. Diese Einschränkung gilt für Twemes zwar nicht, beide vereint aber ein Haken: Was nicht explizit verschlagwortet wurde, wird nicht erfasst. Das macht diese Dienste zu guten Tools zur Gruppen-Kommunikation z.B. für Veranstaltungen, aber fürs Monitoring kaum brauchbar.

Simpel und gut für diese Zwecke ist Tweet Scan. Komfortable Details: Man kann sich Permalinks und RSS-Feeds für spezifische Suchen, etwa nach Kaffee, anlegen. So kann man sich per Feed Reader oder Feed Aggregator über Tweets zur eigenen Firma, Mitbewerbern und wichtigen Schlagworten übersichtlich auf dem Laufenden halten.

Auf ein neues Tool bin ich gestern bei Klaus Eck gestoßen: Über Quotably lassen sich Konversationen bequem mitverfolgen, zum Beispiel meine oder die von sonntagmorgen.

Eine Warnung zum Schluss: Arrington rät nun jedem Kunden, der ein Problem mit Comcast hat, sich die Zeit in der Warteschleife zu sparen und gleich auf Twitter zum öffentlichen Angriff zu blasen. Die Kunden bemerken, dass dieser Rückkanal effektiver ist. Spricht das also gegen eine Reaktion auf Twitter-Nachrichten, Blogs & Co.? In meinen Augen spricht es eher dafür, es nicht so weit kommen zu lassen, sondern den Kunden einen bequemen und direkten Rückkanal zu bieten.

Nahezu alles, was man über Twitter wissen sollte, steht im „Big Juicy Twitter Guide„.Eine
umfassende Liste der verfügbaren Microblog-Monitoring-Services einschließlich der Twitter-Konkurrenten Pownce und Jaiku bietet Internetszene.


Gründerdienstag Münster 04/2008

7. April 2008

Münster ist nicht gerade als das Silicon Valley NRWs bekannt. Um so wichtiger sollte der hiesigen Gründerszene ihre Vernetzung sein. Und hier in Westfalen geht so einiges, wenn man mal näher hinsieht. Außer Kaffee können wir nämlich auch Social Bookmarking und Mousepads mit Bildchen. 🙂 Auch in den Bereichen 3D-Welten, Social Shopping und Mass Customizing stehen Projekte in den Startlöchern.

Grund genug für ein regelmäßiges Treffen für Networking, Wissens- und Erfahrungsaustausch. Dafür gibt es den Gründerdienstag, einen monatlichen Stammtisch für jeden aus Münster und Umgebung, der vorhat oder dabei ist, ein skalierbares Unternehmen zu gründen, naturgemäß mit recht starkem Online-Schwerpunkt. Seit Sommer 2007 läuft das mehr oder weniger regelmäßig, mittlerweile jeden 2. Dienstag im Monat um 20.30 Uhr im DaCapo. Der nächste Termin ist also morgen.

Beim letzten Treffen haben wir einige Themenwünsche der Teilnehmer gesammelt:

  • Unternehmensbewertung insbesondere bei virtuellen Gütern/Geschäftsmodellen
  • VC/BA – wie komme ich dran, wie ticken sie, Fallstricke bei Anbahnung und Vertragsgestaltung
  • Finanzierungs-/Monetarisierungsmodelle
  • Online-Werbevermarktung (mich persönlich interessiert da im Moment am meisten die lokale Komponente)
  • Zielgruppenorientierung: Woher bekomme ich Informationen, was mache ich damit?
  • Wachstum! Internationalisierung vs. andere Strategien
  • Unterschiede in Kultur und Userverhalten zwischen verschiedenen Ländern

Zu manchen Themen wird die Stammbesetzung auch schon etwas beitragen können, vielleicht gesellen sich aber auch noch Fachleute hinzu. In jedem Fall soll, so war der Tenor der Teilnehmer, die lockere Stammtisch-Runde beibehalten werden und kein Vortrag daraus gemacht werden.

Bei Interesse freue ich mich über eine Anmeldung bei XING oder Venteria, wo es auch weitere Infos gibt. Die Forums-Diskussion zum Treffen findet sich ebenfalls bei XING.


Die Tasse gespült

24. März 2008

Wenn ich schon nicht blogge, kann ich hier wenigstens mal aufräumen, hab ich mir gedacht. Und wenn ich bisher auch mit der Begründung „Wenn meine User meinen Content schon gratis kriegen, sollen sie ihn sich wenigstens hart erarbeiten“ das überfrachtete Vierspaltenlayout gehegt und gepflegt habe, war es Zeit für eine radikale Schlankheitskur. Das neue Theme heißt „White as Milk“ und ist dasjenige, das mich am meisten anspricht. Das heißt, dasjenige von denen, die bei einem kostenlos bei WordPress gehosteten Blog zugänglich sind.

Im Zuge der Umstellung habe ich eine Menge Widgets rausgeworfen. Wer meine Updates bei Twitter lesen will, kann das dort tun, und wer sich für Kaffee interessiert – das sonntagmorgen-Blog hat auch einen RSS-Feed. Also hab ich die Spielereien entfernt. Mal gucken, was Google dazu sagt. Ach ja, wer auf die voranstehenden Links geklickt hat, dem mag es schon aufgefallen sein: Die Theme-Umstellung nehme ich zum Anlass, keine Links mehr in einem neuen Fenster öffnen zu lassen – meine Besucher können darüber selbst entscheiden und werden im Zweifelsfall schon wieder hierher zurückfinden.

Noch unschlüssig bin ich mir, was Snapshots angeht. Für die, die es nicht wissen: Das sind die kleinen Vorschau-Fensterchen, die bisher aufgingen, wenn man mit der Maus über einen Link gefahren ist. Bei Links, die einen RSS-Feed enthalten oder bei Wikipedia-Artikeln fand ich sie bisweilen ganz nützlich, aber oft nerven sie. Erst mal bleiben sie deaktiviert, bis sich jemand beschwert.

So, und nun? Die nächsten Tage mal wieder was mit Substanz bloggen. Über die Aufwertung des Originals durch die Entwertung der Kopie, oder über die Qualität des Online-Videojournalismus. Über ein Barcamp zum Thema Arbeit, Leben und Verdienst… aber vielleicht läuft mir ja noch was Banales über den Weg.


Sonntagmorgen ist online!

10. März 2008
sonntagmorgen-Logo

Wir haben es eben offiziell verkündet: Das Internet hat ab sofort seinen Ort für frischen, individuellen Kaffee. Den gestrigen Sonntag haben wir noch für letzte Korrekturen verwendet und diesen Montag kurzerhand zum Sonntagmorgen erklärt. Endlich kann es richtig losgehen. Testet uns, was das Zeug hält!


Buchstabensuppe – Namen für Startups

28. Februar 2008

[Kurzfassung: Gute Namen und Domains sind rar. Im Trend des Web-Namings liegen Doppelvokale, Zahlen, Personalpronomen wie Mein, Dein, Unser und demnächst auch 3. Person?]

Du bist gerade Vater geworden, stolz wie Oskar. Kommst aufs Standesamt und willst Deine Lea oder Deinen Rüdiger anmelden und es heißt: Da war schon einer, das geht nicht mehr. Du wirst sie oder ihn Leeaa oder RüdigR nennen müssen. So schauts aus in der schönen bunten Startup-Welt.

Wehmütig blickt man zurück in eine Zeit, in der das schlichte Anhängen von „-online“, „2000“ oder Voranstellen von „e-“ noch reichte. Selbst die „i-“ Namen werden knapp. Von „24“ und „VZ“ sollte man mit schmalem Budget bekanntlich die Finger lassen. Oder man schaut noch weiter zurück, als die Unternehmen noch Thyssen oder Bosch hießen. Der von Brand Channel 2004 prognostizierte Trend zu Vornamen als Marken scheint sich nicht durchgesetzt zu haben. Selbst Pauls Mama wird umbenannt.

Einstweilen offenbart ein Blick ins Web 2.0 Sammelalbum eine Reihe von Naming-Trends für Startups. Die Not zur Tugend machen heißt das Gebot der Stunde, denn (fast) der gesamte Duden ist registriert. Die Muster der Namensfindung gleichen sich: Vokale verdoppeln oder weglassen, Zahlen einbauen, Wortkombinationen. Für einen Rückblick über das Jahr 2007 im englischsprachigen Raum sorgt Nancy Friedman. Einige ihrer Beobachtungen kann man auch schon hier machen.

Sie hat unter anderem einen Trend zu Personalpronomen ausgemacht. Im Falle von „mein“ fällt das Magix Georg Krüger auch hier auf. Aktuell im Sammelalbum dazu: MyPipeline. Der Trend zur dritten Person, den Nancy ausmacht (They’re Beautiful, She’s Geeky), ist hier anscheinend (noch) nicht angekommen. Dafür scheinen die Zahlenspielchen (bekannt 37signals, aktuell 7tasks, 360cities) nach Deutschland zu kommen. Einer der ersten Vertreter: 7evendays.

Die unsägliche „R“-Welle nach dem Erfolg von Flickr scheint abgeklungen zu sein. Bei so viel „Vowel Dropping“ hatte ich schon gedacht, im Web 2.0 müsste man Vokale wie beim Glücksrad kaufen und die armen Gründer könnten sich das nicht leisten. Stattdessen scheint nun ein regelrechter Vokal-Hype ausgebrochen zu sein: Besonders Startups im Shopping-Bereich, folgen dem Doppelvokal-Muster von woot, allen vorneweg der deutsche Klon guut.

Wenn man diese Namen im Gespräch auch buchstabieren muss, damit das Gegenüber die URL kennt (bei beeings hat man diese Problematik schon erkannt), lassen sie sich wenigstens aussprechen. Ganz im Gegensatz zu anderen verstümmelte Schreibweisen wie aktuell Shifd, oder Traackr, das den unaussprechlichen Namen mit Buchstabierzwang noch mit einem unleserlichen Logo abrundet. Ein echtes Highlight. Dagegen stechen unter anderem Tikkler und Twimbler heraus, die sich allein mit ihrer intakten Endung schon abheben können.

Bei der Namensfindung für sonntagmorgen haben wir, als wir in der gedanklichen Sackgasse steckten, Wortfelder als Mindmaps erstellt, geschichtliche und sonstige Fachartikel gelesen und eine Typologie der Mitbewerber-Namen erstellt. Am Ende sind brauchbare Ergebnisse herausgekommen, denen es aber im Gegensatz zu sonntagmorgen an Seele mangelte. Das war letztlich eine Bauchentscheidung und eine, mit der wir immer noch sehr glücklich sind.

Eine gute Checkliste fürs Startup Naming gibts bei Folksonomy, eine weitere bei Guy Kawasaki. Wir haben uns nicht dran gehalten. Geholfen hats trotzdem.


Kleingewerbe im Polysemierausch

27. Februar 2008

Beim Vorbeigehen an der Schneiderei Tuchfühlung in meiner Nachbarstraße ist das Fass übergelaufen. Haarspalterei, Abschnitt, Kopfsalat… wo ist der Frisör Müller geblieben? Mit herbeigezwungenen Polysemen soll wohl Originalität transportiert werden, in der Hoffnung, dass sich der Kunde später noch an den witzigen Namen seines „Haarspalters“ erinnert. Dumm nur, dass alle in den gleichen Bildern sprechen. Bei mir würde der Frisör Schmitz mittlerweile wieder besser hängen bleiben.


Feeling Funky Tonight?

27. Februar 2008

Gute Nacht!


SponsR

26. Februar 2008

Nach dem Barcamp Mitteldeutschland hat Cem den Sonntagmorgen Kaffee zum zweiten Barcamp-Catering-Standard nach Walthers Obstsäften ausgerufen und die Vorstellung eines Barcamp-Marketender-Trosses entwickelt, der dem großen Webzwonull-Konferenztreck hinterherzieht. Das fände ich zu eintönig und kaum praktikabel. Stattdessen habe ich „SponsR“ vorgeschlagen, ein Internetmarktplatz für Sponsoringanbieter und -Nachfrager.

Auf Cems Anregung breite ich die Idee hier aus, als Vorschlag für das StartupWeekend Cebit oder für irgendjemand anders. Es wäre schön, eine solche Plattform zu haben. Ich gebe gern noch weitere Anregungen oder helfe, bin aber auch nicht böse, wenn das jemand für sich in die Hand nimmt.

Eigentlich ist es simpel: Auf dem Marktplatz tragen Firmen (und eventuell Privatpersonen) ein, welche Leistungen und Produkte sie zur Verfügung stellen könnten, in welchem Bereich sie das tun und was evtl. die Bedingungen sind (Nennung auf Plakaten, Pressepräsenz o.ä.). Auf der anderen Seite stehen Vereine und Veranstalter von Events, die eine Beschreibung ihrer Veranstaltung und ihren Bedarf veröffentlichen. Bei einem Matching schließen beide Parteien einen Vertrag, für den Vorlagen zur Verfügung stehen. Eventuell könnten die Sponsoren ein Sponsoring-Portfolio führen.

In erster Linie habe ich an Sachspenden gedacht, aber natürlich könnte SponsR auch die Plattform für Geldspenden zur Verfügung stellen: Payment-System, Blog, Spendencounter etc… – das Tüpfelchen auf dem „i“ wäre eine Art Zertifizierung des jeweiligen Projekts, um Vertrauen zu schaffen und Mißbrauch zu vermeiden.

Wer das für eine sozialromantische Spinnerei hält, den stoße ich gern mit der Nase darauf, dass es nicht anstößig ist, für erfolgreiche Vermittlungen oder pauschal für die Teilnahme eine Gebühr zu erheben. Sponsoring ist ein Milliardenmarkt (Hat jemand aktuelle genaue Zahlen für den deutschen Markt?).

Erst jetzt fallen mir die Verbindungen zum schweizer Projekt amazee auf, von dem uns das charismatische Gründer-Ehepaar beim Barcamp Hannover erzählt hat. Es handelt sich um eine Art Groupware für soziale Projekte. Schade, dass die Plattform noch nicht öffentlich ist, sonst könnte ich mehr erzählen.

Bisherige Angebote in diesem Bereich sind entweder klinisch tot oder befassen sich nur mit den „großen“ Projekten. Das kann man besser machen. Und alle hätten etwas davon.