Medienlobbying beim Jugendmedienevent 2008: „GEMA-Scouts“ auf Schritt und Tritt

18. August 2008

Am Wochenende war ich als Referent beim Jugendmedienevent 2008, einer Veranstaltung für Nachwuchsjournalisten. Ausgerichtet wurde die viertägige Veranstaltung von der Jungen Presse, einem etablierten Jugendmedienverband. Ich habe dort Seminare zum Thema Web 2.0 geleitet. Die Arbeit mit den jungen Medienmachern ab 13 Jahren hat mir viel Spaß gemacht, wenn man sich als Referent auch zwischenzeitlich von den Veranstaltern ein wenig allein gelassen vorkam. Im Moment beschäftigt mich aber eher eine Randerscheinung des Events:

„Scouts“ weisen den rechten Weg

Offenbar waren die in weiten Teilen minderjährigen Teilnehmer rund um die Uhr von einem PR-Team der GEMA umgeben. Die GEMA nennt sie jugendlich-sympathisch „Scouts“. Ihre Aufgabe war, den Jungjournalisten unter den Fuß zu geben, wie toll die GEMA und wie verwerflich das illegale Herunterladen von Musik sei. In der Pressemitteilung der GEMA liest sich das so:

„Sieben GEMAscouts – selbst Schüler im Alter von 13 bis 18 Jahren – sind vor Ort und vermitteln als Botschafter der GEMA den Jung- und Schülerzeitungsredakteuren ihr Wissen über die kreative Leistung von Musikschaffenden. Mit ihrer Aufklärungsarbeit tragen die GEMAscouts dazu bei, das Bewusstsein für den Wert von Musik zu schärfen, denn Texten und Komponieren von Musik ist trotz zunehmender Digitalisierung sehr zeit- und arbeitsintensiv.“

So viel zum PR-Sprech. Für die Teilnehmer stellte es sich so dar: Die sieben „GEMAscouts“ mischten sich über die gesamte Dauer des Events unter die Teilnehmer, beim Essen, beim Schlafen in der Turnhalle, beim Freizeitprogramm. Und gingen einigen gehörig auf die Nerven.

Kein Hinweis

Die GEMA trat unter vielen anderen als Partner des Jugendmedienevents auf. Es gab eine Diskussionsrunde zum Thema Copyright & Co mit Ulf Herrmann, Manager Online & Mobile bei der GEMA, und weiteren Vertretern der Musikbranche. Auf der offiziellen Website des Jugendmedienevents gibt es aber keinen Hinweis auf die Anwesenheit eines solchen PR-Teams. Lena Scholz, Mitglied der Veranstaltungsleitung, erkärt, dass die sieben GEMA-Scouts „eigentlich nur normale Teilnehmer“ waren, deren Teilnahme von der GEMA finanziert wurde. Mehr habe man von denen nicht mitgekriegt. Allerdings hat die GEMA den Evaluationsbogen der Veranstaltung anscheinend gleich für die Messung ihrer eigenen PR-Aktivität genutzt: Auf dem Bogen befanden sich auch Fragen zur GEMA und zu illegalen Downloads.

Da treiben sich also Leute mit klarem PR-Auftrag (die selbst noch Jugendliche sind) als ganz normale Teilnehmer auf einer Veranstaltung für junge Nachwuchsjournalisten herum und sagen ihr Sprüchlein auf. Die Aktion bleibt für die Teilnehmer und deren Erziehungsberechtigte völlig unangekündigt und unkommentiert. Es mag ja völlig rechtens sein. Mir graut trotzdem davor, dass das Schule macht.

Rechtlich und PR-Ethisch in Ordnung

Der Vorsitzende des Deutschen Rats für Public Relations Richard Gaul weist für PR-Ethik allgemein auf den Grundsatz des „offenen Visiers“ hin: Ist eine PR-Aktion als solche zu erkennen bzw. der Auftraggeber klar ersichtlich, ist die PR in dieser Hinsicht in Ordnung. Die „GEMA-Scouts“ trugen T-Shirts mit GEMA-Aufdruck. Es sieht so aus, als sei diesem Grundsatz Genüge getan – wenn auch so mancher die Shirts erst für Promo-Ware gehalten und sich nichts dabei gedacht hat. Besonders schlau kann man die Aktion trotzdem nicht nennnen, denn manche Teilnehmer waren gar nicht begeistert. Sie machten sich auch in den Feedbackbögen der Veranstaltung Luft, wie mir eine Referentin berichtete. Dass die nun glühende Befürworter der GEMA werden, ist zweifelhaft.

Woher kommen die GEMA-Scouts?

Dank Lukas, der einen der beim Jugendmedienevent im Vorfeld des Jugendmedienevents durch die Junge Presse unter die Leute gebrachten Flyer gescannt hat (Text hier), und der Kommunikationsabteilung der GEMA bin ich nun schlauer. Ich zitiere: „Bei der BRAVO Supershow 2007 haben sich mehrere Hundert Jugendliche als GEMAscouts beworben.“ 23 davon wurden ausgelost, 22 verbleiben. „Bevor die GEMAscouts ihrer Aufgabe, z.B. in Form von freiwilligen Vorträgen in ihrere Klasse, nachkommen konnten, fand in den vergangenen Monaten ein Kennenlernen mit der GEMA bei Konzerten von Roger Cicero statt – Meet&Greet inklusive! Zum großen gemeinsamen Auftakt kamen Anfang Mai ale Scouts nach Nürnberg zum GEMAscouts-Workshop. Zur Einstimmung wurde am Vorabed die BRAVO Supershow besucht.“ Aha.

Zur Klarstellung: Ich bin selbst Produzent geistigen Eigentums und sicher nicht für dessen Diebstahl. Ich kaufe gern CDs. Es geht mir hier also nicht um den Inhalt, sondern um die Form, und die finde ich nicht gerade zukunftsweisend.

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