Mehr Soziologie in der Wirtschaft!

31. Januar 2008

Gestern auf dem Heimweg habe ich mit Tamer, meinem Mitgründer bei sonntagmorgen Kaffee, über das Verhalten von Menschen am Markt und die unterschiedlichen Sichtweisen darauf gesprochen. Er (Wirtschaftsinformatiker) und ich (Kommunikationswissenschaftler, also von Haus aus eher soziologisch geprägt) waren uns im Grundsatz einig, dass die Annahme rationalen Verhaltens zwar bequem, aber unzureichend ist.

Wirtschaftswissenschaftler arbeiten in der Regel mit mathematischen Modellen und konstruieren Zusammenhänge als Formeln. Diese greifen nur, wenn man Rationalität unterstellt und tendieren zu starren Ursache-Wirkung-Ketten. Geschäftsideen und Strategien werden anhand dieser Modelle und scheinbar offenkundiger Einflussfaktoren bewertet: Absatzmarkt, Konkurrenzsituation, Markteintrittsbarrieren etc. (Klar spielt darüber hinaus das Team eine entscheidende Rolle und viele Investoren haben das erkannt, aber hier geht es um die Geschäftsidee an sich.).

Ein Fehler, wie wir denken, denn Märkte werden von Menschen gemacht, und die verhalten sich, von außen betrachtet, bei weitem nicht immer rational. Den ersten Punkt setzt zum Beispiel das Cluetrain-Manifest voraus, allerdings gehen die Verfasser davon aus, dass die Märkte durch die fortschreitende Vernetzung intelligenter werden. Da bin ich mir noch nicht so sicher.

Nach rationalen Kriterien wären einige der bekanntesten und erfolgreichsten Firmen der Welt nicht finanziert worden, attestiert Andreas Göldi in seinem kurzweiligen Beitrag über die Erfolgsfaktoren von Geschäftsideen. Er schreibt, dass durch die immer häufigere Anwendung von Erkenntnissen aus Physik, Biologie, Informatik und Gehirnforschung das Bild der Wirtschaft nicht einfacher, sondern im Gegenteil komplexer werde. Wen wundert’s. Ein gutes Modell vereinfacht die Dinge so weit wie möglich und behält so viel Komplexität wie nötig, und je nach Erkenntnisinteresse kann für ein und denselben Vorgang ein anderes Modell passend sein.

Was sind denn eigentlich „der Markt“ oder „die Märkte“? Gespräche, laut Cluetrain. Stimmt, meine ich: Ich stütze mich, vielleicht einfach aufgrund meiner eingangs erwähnten Prägung, gern auf einen ursprünglichen Transfer aus der Biologie: die Systemtheorie nach Luhmann. Systeme bestehen in diesem Modell aus Kommunikation. Geld oder Macht sind symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, die die Fortführung der Kommunikation sicherstellen. Kommunikation in einem System erfolgt immer im Code des jeweiligen Systems, zum Beispiel „zahlen – nicht zahlen“ in der Wirtschaft.

Faszinierend an der soziologischen Systemtheorie ist ihre schier unbegrenzte Anschlussfähigkeit. Hat man das Zusammenspiel aus System, Code und Kommunikationsmedium einmal verinnerlicht, fällt einem die gemeinsame Betrachtung zum Beispiel von Politik, Recht und Wirtschaft viel leichter. Natürlich ist es auch wieder nur ein Modell von vielen, ein Ausschnitt des Erfassbaren, aber es hilft, Zusammenhänge jenseits des eigenen Systems zu verstehen. Dem einen oder anderen Zahlenreiter würde etwas soziologischer Input wohl gut tun, um zu erkennen, was seine Standortentscheidung, Rationalisierung, Preispolitik etc. ist: Kommunikation.

4 Antworten to “Mehr Soziologie in der Wirtschaft!”

  1. Sam Figueroa Says:

    Sehr netter Artikel. Auch wenn ich ihn sicherheitshalber 2 mal las.

    Klingt schlüssig, da muss ich dir zustimmen.

  2. Markus Says:

    Deine Affinität zur Systemtheorie dürfte ja bekannt sein😉

    Die Faszination über die Anschlussfähigkeit teile ich auf jeden Fall. Ich bin gespannt, ob es mal jemandem gelingen wird, die Systemtheorie zu überflügeln. Momentan kann ich es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich fang mal an nachzudenken😛

    Wer die Systemtheorie konsequent anwendet könnte damit sicherlich auch in Bereichen außerhalb der Soziologe(-verwandten Fächer) interessante neue Aspekte gewinnen. Kontingenz erzeugen, nicht verringern bzw. sich beschränken durch Abkehr von einfachen Ursache-Wirkungs-Schemata. Das erinnert mich stark an die Entscheidung zwischen Realismus & Konstruktivismus (um meine „Leidenschaft“ auch mal einzubringen😉 ).

    Man sollte Juristen, WiWis etc. mal darauf aufmerksam machen, was sie vielleicht verpassen😉

  3. Tobias Says:

    Interessanter Beitrag, als Volkswirtschaftler muss ich aber mal eine Lanze für die hier geschmähten „Zahlenreiter“ brechen. Dass die Annahme rationalen Verhaltens zwar bequem, aber unzureichend ist, ist für WiWis kalter Kaffee: Seit über 50 Jahren ist zumindest das Konzept „begrenzter Rationalität“ (Herbert Simon) Kernstück der mikroökonomischen Forschung.
    Makroökonomen wiederum wissen, dass das Verhalten von Aggregaten (zB Märkten) nicht immer logisch aus dem Verhalten von Individuen geschlossen werden kann.

    Dennoch gebe ich dem Grundtenor des Artikels völlig Recht: es ist wichtig, das Nachdenken nicht auf die Scheuklappen der „eigenen“ Denkschule zu begrenzen. Und natürlich können Ökonomen viel lernen von Soziologen oder Psychologen, wenn es um das Verhalten von „Menschen in Märkten“ geht.

  4. Till Says:

    Danke für den Hinweis! Dass es diese Theorien gibt, ist mir bekannt. Nur haben die wenigsten sie auch verinnerlicht. Ich wollte allerdings keineswegs alle Wiwis als phantasielos und realitätsfern hinstellen, ich kenne genug Gegenbeispiele.
    Übrigens kann die Sozialwissenschaft sicher auch von der Ökonomie lernen. An den Untersuchungen von Steven D. Levitt zum Beispiel hatte ich nicht nur viel Freude, sie verraten auch viel über die Gesellschaft und die Menschen darin.


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