Thesen zu Weblogs, Öffentlichkeit und Systemtheorie

11. Oktober 2007

Diese Thesen habe ich als Vorbereitung auf eine Prüfung niedergeschrieben. Ich veröffentliche sie hier in loser Reihenfolge und zum selbst Weiterdenken, in der Hoffnung auf Anschlusskommunikation.😉 Grundlage ist die Systemtheorie nach Luhmann und das Öffentlichkeitsmodell von Kohring (einen Einstieg gibt seine Antrittsvorlesung in Münster). Von daher sind die Begriffe auch nicht immer identisch mit ihrem Alltagsverständnis! Alles mit Vorsicht zu genießen und noch nicht rund, aber ein Denkanstoß.

  • Luhmanns Begriff von Interaktionssystem vs. Massenmedien trägt nicht mehr. Soziale Systeme sind durch Kommunikation konstituiert, die ihrerseits durch sich selbst konstituiert ist. Massenmedien, zu denen Luhmann sämtliche technische Vermittlung zählt, können aber auf diese Weise nicht als soziales System abgegrenzt werden. Soziale Systeme sind nur durch Sinn begrenzt, nicht durch technische Medien. Ich kann also medienvermittelt nicht-öffentlich kommunizieren sowie unter Anwesenheit öffentlich kommunizieren.
  • An Stelle der Interaktionssysteme bzw. Primärkommunikation vs. Massenmedien möchte ich die Unterscheidung offene vs. geschlossene Kommunikation verwenden, wobei die geschlossene Kommunikation durch die bewusste Auswahl direkt angesprochener Kommunikationspartner gegenüber der offenen abgegrenzt wird, die sich an ein unbestimmtes, diffuses Publikum richtet. Beides ist im www möglich.
  • Das Internet an sich ist ebensowenig ein soziales System wie das Telefon oder der Fernseher. Das www ist auf inhaltlicher Ebene sehr wohl ein soziales System.
  • Es reduziert die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation im Allgemeinen, erhöht aber gleichzeitig die Unwahrscheinlichkeit einer spezifischen Kommunikation.
  • Weblogs sind aus Linklisten hervorgegangen, also Anschlusskommunikationen mit der Aufforderung zur Anschlusskommunikation. Die Funktionsweise von Weblogs und die Bewertungsmechanismen von Charts und Aggregatoren bilden starke Anreize zur Anschlusskommunikation. Blogger definieren den Wert ihres Produkts mehr über Anschlusskommunikation in Form von Kommentaren und Trackbacks als über Seitenabrufe. Dieses soziale Phänomen fördert das Gelingen von Kommunikation.
  • Weblogs sind kein Journalismus, so lange ihnen diese Rolle nicht gesellschaftlich konsentiert zugewiesen wird. Das könnte sich aber ändern. Für das www sind sie bereits dabei, die Rolle eines Leistungssystems zu übernehmen, da web-spezifische Themen in den klassischen Medien unterrepräsentiert sind.
  • Viele Blogs sind themenspezifisch und machen sich einen systemspezifischen Code wie den der Wirtschaft, der Wissenschaft oder des Rechts zu eigen, mit dementsprechenden Systemgrenzen und blinden Flecken. Durch die Überschneidung verschiedener Perspektiven in einem Thema und deren Nachvollziehbarkeit werden die blinden Flecken verringert. Daraus ließe sich (den empirischen Nachweis dahingestellt) folgern, dass ein einzelnes Weblog oft keine öffentliche Kommunikation beinhaltet, die Gesamtheit solcher Weblogs, die sog. Blogosphäre, aber sehr wohl, da sie systemübergreifende Zusammenhänge erkennbar macht.
  • Das einzelne Weblog mit privaten Erlebnissen, Nachrichten und Meinungen befände sich somit nicht im Funktionssystem Öffentlichkeit, die „Blogosphäre“, die Summe strukturell gekoppelter Blogs, hingegen schon, da sie zur Ausbildung gesellschaftlicher Erwartungen beiträgt.
  • Im Sinne von McLuhans „Global Village“ lösen Blogs das Problem, dass Austausch persönlicher Meinungen und Nachrichten am Lagerfeuer nicht mehr stattfindet und soziale Netze des einzelnen Menschen örtlich immer verstreuter werden. Sie helfen bei der Ausbildung gesamtgesellschaftlicher (Blogosphäre) und spezifischer (einzelnes Blog) Erwartungen.

Der Frage, ob Weblogs als Journalismus gelten können, bin ich in meinem Versuch einer Zusammenschau über den Forschungsstand zu Weblogs und Journalismus nachgegangen.

Eben bin ich noch auf eine Ringvorlesung im jetzt beginnenden Semester gestoßen: Unter dem Titel „Internet Gesellschaft“ sprechen u.a. Soziologen, Politologen, Kommunikationswissenschaftler und Praktiker über Web x.0 und seine Auswirkungen. Vorgemerkt!

4 Antworten to “Thesen zu Weblogs, Öffentlichkeit und Systemtheorie”


  1. […] · Gespeichert unter Blogs, Journalismus, Medien, Studium and tagged: DFJV, Weblogs Da ist mir doch der Deutsche Fachjournalisten-Verband um einen Tag zuvorgekommen und hat 10 Thesen zu Weblogs […]

  2. autopoiet Says:

    Spannende Thesen. Gibt es inzwischen mehr?

  3. Till Says:

    Leider nein. Im Moment schlage ich mich wieder mit anderen Themen herum. Um ein Haar hätte ich diese brachliegende Baustelle vergessen. Danke für die Erinnerung! Werde versuchen, mich dem Thema noch mal zu nähern.

  4. autopoiet Says:

    Ich bin (auch weiterhin) gespannt.


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