Bin ich Journalist?

18. April 2007

In meiner Hausarbeit „Weblogs und Journalismus“ im Rahmen des Kurses „Alternative Online-Medien“ an der WWU Münster habe ich versucht, einen Überblick über die aktuelle kommunikationswissenschaftliche Diskussion darüber zu geben, ob Publikationen wie diese hier als Journalismus gelten können:

Till Achinger – Weblogs und Journalismus – WWU Münster 2007

Viele Fragen und Thesen, auf die ich im Rahmen der Arbeit gestoßen bin, habe ich unter dem Titel „Sind Weblogs als Meinungsmacher überschätzt“ bei Olaf Nitz wiedergefunden, der sich dabei auf Dr. Mark Eisenegger von der Universität Zürich bezieht. Kurz gefasst vertritt Eisenegger in seinem Vortrag „Blogomanie und Blogophobie“ die These, Weblogs würden als Meinungsbildner überschätzt. Beide Seiten sind lesenswert.

6 Antworten to “Bin ich Journalist?”

  1. Tobias Says:

    Habe deine Arbeit gelesen & muss jetzt doch mal kommentieren (ich als Blogger…😉 … )!

    1. Ich mag das Selbstverständnis von Journalisten nicht. Es ist nicht realitätsnah. Die von dir genannten Aspekte der „Trennung von Nachricht und Meinung“ sowie „Trennung von aktueller Information und Werbung“ sind Dinge, die ich z.B. keiner etablierten Zeitung anrechnen würde. Im Gegenteil: Die etablierten Zeitungen leben geradezu von ihrer Meinung! Nehmen wir „Die Zeit“ und „Die Welt“ als Beispiele: Beide sind dicke, große Zeitungen für den gleichen Preis. Beide richten sich an Leser mit gehobener Bildung (ungleich Express/Bild). Der einzige sofort erkennbare Unterschied besteht im größeren Wirtschaftsteil der „Welt“ und dem viel größeren und besseren (!) Kulturteil der „Zeit“. Die Teile der Innen- und Außenpolitik sind jedoch von der Größe her identlisch. Welche Zeitung wählt man nun? Die Wahl entscheidet sich (für mich) durch die Ausrichtung der beiden Zeitungen: „Die Zeit“ ist liberaler wohingegen „Die Welt“ konservtiver ist. Wenn ich es weiterspinnen würde, würde ich behaupten, daß „Die Welt“ für Arbeitgeber & „Die Zeit“ für Arbeitnehmer geschrieben ist. Diese Unterscheidung kann ich jedoch nur durch die Ausrichtung der Artikel erkennen wenn ich die Zeitung tatsächlich lese. Sie drücken unterschiedliche Meinungsbilder aus, mit denen man übereinstimmen oder an denen man sich stoßen kann. Ich selbst stoße mich an „Der Welt“. Essenz: Zeitungen definieren ihren Leser- und damit Kundenkreis sehr wohl durch Darstellung eines bestimmten Meinungsbildes.

    2. Blogs leben nicht nur von ihrer Aktualität, sondern vor allem von ihrer Interaktivität. Das recht erbärmliche Streiten zweier Zeitungsleser innerhalb der „Leserbriefe“-Sektionen über Wochen verteilt gibt es so nicht. Blogs + ihre Kommentare sind ein Ort des Dialogs. Diese Möglichkeit zum Dialog ist etwas, das sich abertausende Menschen zu Zeiten der klassischen Medien gewünscht haben – egal ob es dabei um eine Reiseempfehlung eines Urlaubsmagazins oder um die Entlarvung eines Giftmüll-Sünders in der Wirtschaft geht. Jezt können Menschen endlich äußern, daß das empfohlene Hotel die hinterletzte Absteige war & daß der Vorstandvorsitzende der Chemiefirma XY am höchsten Baum baumeln sollte… Dies sind Dinge, die Menschen immer loswerden wollten, wenn sie durch klassische Medien informiert bzw. beworben wurden. In wiefern diese Kommentare für die anderen Leser Mehrwert haben, hängt stark vom Blog, dem Thema des Artikels und den Lesern selbst ab!

    3. Die Interaktivität der Blogs ist noch für etwas anderes verantwortlich: Blogs sind die vertrauensvollen Foren des 21. Jhds. Sie ersetzen Stück für Stück die Forensystems (BBSs) der 90er. Während Diskussionen und Hilfe in Foren eher anonym ablief, können Leser zu Blogs, deren Autoren und deren anderen Lesern Vetrauen fassen, da diese meist personenbezogener sind als Foren. Blogs bieten einen Dialog, mit dem sich die Sprechenden eher identifizieren können. Dieses personenbezogene Vertrauen kann in klassischen Medien nur langsam und schwerlich gewonnen werden – Wer schaut schon permanent auf die Namenskürzel unter Artikeln um heruaszufinden, wer den Text in einer Zeitung nun wirkloich geschrieben hat?!

  2. Till Achinger Says:

    Lieber Tobias, danke für den Ausführlichen Kommentar, den meine Hausarbeit ohne Weblogs und ihre großartigen Rückkanäle sicher nicht bekommen hätte.😉

    Zu Deinen Anmerkungen:

    1. Das von Dir genannte Journalismus-Bild ist natürlich ein normatives. Ich habe in meiner eigenen Praxis auch schon genug Gegenbeispiele erlebt. Genausowenig erfüllen Weblogs die Heilsversprechen ihrer Propheten. Ich denke, dass die Definition des Journalismus über die Funktion, Themen zu sammeln, auszuwählen, zu bearbeiten und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen (Weischenberg 2004), weiter trägt.

    2. Ich dachte, dass ich den Rückkanal in meiner Arbeit ausreichend bedacht hätte. Natürlich sind Vernetzung und direkte Interaktion konstitutionelle Merkmale. Hahnenkämpfe unter Lesern können allerdings auch hier stattfinden, sie werden nur schneller abgewickelt. Die niedrige Publikationsschwelle trägt leider nicht nur zu mehr konstruktivem, sondern auch zu mehr destruktivem Feedback bei.

    3. Was das Vertrauen angeht, so liegen mir keine vergleichenden Zahlen zu Foren und Weblogs vor. Nur ein allgemein (vielleicht noch) größeres Vertrauen in klassischen Journalismus als in Weblogs kann als gesetzt gelten. Das hat nicht nur, aber auch mit dem physischen Übertragungsmedium zu tun: Ein und derselbe Text vom selben Autor wirkt auf Papier glaubwürdiger als im Netz.
    Was aber die Namenskürzel angeht, so kann ich – wieder aus eigener Erfahrung – sagen: Manche Leute sehen sich das tatsächlich an. Viele Journalisten halten den Lokaljournalismus unter anderem deshalb für den optimalen Einstieg, weil man den Objekten seines Schreibens nach Feierabend auf der Straße begegnet und sich im Zweifelsfall rechtfertigen muss. Das müssen Blogger in den seltensten Fällen. Damit und mit dem Wegfall der Redaktion fehlt ein Großteil der sozialen Kontrolle.


  3. […] älterer Umfragen habe ich in meiner Hausarbeit zusammengefasst,  die aktuell beste Übersicht bietet Neuberger in Media Perspektiven 2/2007: […]


  4. Kleiner Nachtrag: Hab heute die Arbeit wieder abgeholt. Der Note nach ist sie wohl ganz brauchbar.


  5. […] Frage, ob Weblogs als Journalismus gelten können, bin ich in meinem Versuch einer Zusammenschau über den Forschungsstand zu Weblogs und Journalismus […]


  6. […] nach den theoetischen Hintergründen. Der Einfachheit halber verweise ich auf meine Arbeit “Weblogs und Journalismus” und das dort enthaltene LiteraturVZ […]


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