Archiv für Februar, 2008

Einigung zwischen erstiVZ und studiVZ

15. Februar 2008

Zwischen der Community StudiVZ und dem Studentenprojekt ErstiVZ scheint es zu einer Einigung gekommen zu sein: ErstiVZ-Betreiber Peter Grosskopf teilte eben die Lösung des Konflikts mit. Da Peter von der geplanten Einrichtung eines Spendenkontos nun Abstand nimmt, darf man vermuten, dass er die zunächst vom Anwalt geforderten 2000 Euro Abmahngebühr nicht oder nicht in voller Höhe zahlen muss. Er wird sich für sein Projekt aber einen neuen Namen suchen müssen (Vorschläge? Ich wär ja für ErstiBC).

Dass von der ersten Meldung bis zur Einigung nur 28 Stunden vergangen sind, dankt Peter vor allem der schnell aufgebauten Öffentlichkeit: Von Twitter fand das Thema innerhalb von Minuten in die Blogs und Onlinemedien, bis sich auch große Nachrichtenportale dafür interessierten.

Ob hinter dem plötzlichen Einlenken von höchster Stelle echte Einsicht oder nüchterne Deeskalationspolitik steht, lässt sich von außen kaum beurteilen, spielt aber zunächst eine untergeordnete Rolle. Für mich entscheidend ist, dass Peter für sein Engagement an der Uni nicht auch noch büßen musste und dass der Fall ein anschauliches Beispiel für die Herstellung von Öffentlichkeit durch Twitter und Blogs geworden ist.

Am Rande imponiert mir, dass Peter bei alle dem Stress mit Anwälten, A-Bloggern und Journalisten, bei dem er wahrscheinlich noch ein paar neue Freunde kennengelernt hat, noch zeit für Katzencontent hatte. ;-)

Blog-Dresche für StudiVZ nach Abmahnung an Studenten

15. Februar 2008

Die Blogosphäre hat einen neuen Aufreger: Die Nachricht von der Abmahnung von ErstiVZ durch StudiVZ hat schnell die Runde gemacht. Bei Twitter ist dicke Luft, das Netzwerk bezieht dort zur Zeit nur noch Prügel. Die Meldung, dass es seinerseits durch den Verbraucherzentrale Bundesverband abgemahnt wurde, ruft hämische Freude hervor.

Zumindest ist turi2 die Causa ErstiVZ eine kleine Meldung wert und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch Mainstream-Onlinemedien für den Fall interessieren. Schließlich ist die Story zu gut: Von den Medien mittlerweile nicht mehr so geliebtes Millionen-Netzwerk mahnt kleines Studentenprojekt ab. Und in Maßstäben des gesunden Menschenverstandes ist das auch ein Aufreger, aus der Perspektive der Juristen ein ganz normaler Vorgang.

Die renommierte Kanzlei, die StudiVZ in solchen Dingen mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragt hat, macht vernünftig ihren Job. Es sind Anwälte und keine PR-Berater. Und eventuell gab es auch keine Rückfrage in der StudiVZ-PR-Abteilung, keine Recherche, wer denn dieser Peter Großkopf ist (sie hätten ihn bis gestern auf der eigenen Plattform gefunden) und keine Berücksichtigung des Faktums, dass ErstiVZ seinen User sogar ausdrücklich den Eintritt ins StudiVZ empfohlen hatte. Das ist schade und lässt einen wieder über den Stellenwert der Managementfunktion PR nachdenken.

Gegen die kommerziellen Angebote pokerVZ und fußballerVZ hat StudiVZ seine Ansprüche offenbar schon vor längerem und völlig geräuschlos durchgesetzt. ErstiVZ ist ein Non-Profit-Projekt, das über Adwords noch nicht einmal seine Kosten deckt, seine Macher sind vernetzt und glaubwürdig, sodass diese „Kanonen auf Spatzen“-Reaktion nun auffällt.

Ich habe gestern noch mit Peter gesprochen, der sich sehr vernünftig zurückhält und auf Verständigung setzt, während um ihn herum die Aufregung groß ist. Eventuell hat StudiVZ ja noch ein Einsehen und zahlt seinen Anwalt selbst. Es wäre schon schade, wenn ein Student, der seinen nachrückenden Kommilitonen eine Orientierung bieten wollte, nun aufgrund der Rechtsansprüche DER hiesigen Studentencommunity auf Spenden angewiesen ist.

Es soll nur einen geben: studiVZ mahnt erstiVZ ab.

14. Februar 2008

StudiVZ schiesst ein PR-Eigentor nach dem anderen. Nach der missglückten Kommunikation der neuen AGB mahnen die Berliner nun ein münsteraner Studentenprojekt ab: Dem Mitgründer und -Betreiber von erstiVZ, Peter Großkopf (u.a. brainr), ging heute offenbar eine Abmahnung zu. Er nennt bei Twitter zwar nicht explizit den Absender der Abmahnung, wohl aber die Summe: 2000 Euro verlangt der gegnerische Anwalt von dem Non-Profit-Projekt für seine Bemühungen.

Ich gebe zu, ich bin sauer. Wer in seiner Kommunikation sonst auf studentische Lockerheit und geradezu widerliche kumpelhafte Anbiederei setzt und sich mit pseudopolitischen Kampagnen als Anwalt der Studenten aufspielt, sollte auch leben, was er erzählt. Das hätte man auch anders beilegen können, mit einer freundlichen, aber bestimmten Mail zum Beispiel.

Versuchen wir es nüchtern zu sehen: Da ist das berechtigte Interesse, die eigene Marke unverwechselbar zu halten, zumal wenn damit jemand im eigenen Terrain wildert. Als „kostenlose PR“ würde ich das an deren Stelle auch nicht sehen, wenn es sich um einen Mitbewerber handelt. Aber so einfach wird das nicht sein. Ist „VZ“ überhaupt eine Marke und schützbar? Erinnert sich noch jemand an SocialBC? Die abgewiesene Klage gegen das alternative Businessnetzwerk, bei der festgestellt wurde, dass ein Zusatz wie „BC“ für „Business Club“ nicht schutzfähig ist, war wohl einer der Gründe für die Umbenennung in den Zungenbrecher Xing. Also würde ich mir an Peters Stelle erst mal Beratung holen und nicht vorschnell Ansprüche anerkennen. Dass studiVZ gern mal ein bisschen zu weit geht mit unhaltbaren rechtlichen Forderungen ist ja bekannt.

Und ja, auch das Layout hatte große Ähnlichkeit mit studiVZ, aber hat das nicht auch große Ähnlichkeit mit einer Plattform, die ihrerseits wieder in Verdacht geraten war, geklaut zu sein? Wer ein Copycat betreibt, sollte nicht mit Abmahnungen werfen. Auch Andreas Jacob, Betreiber von pennerVZ, das auf die Problematik der Obdachlosigkeit hinweisen soll, befürchtet, in den nächsten Tagen abgemahnt zu werden.

Dass eine Firma ihre Marke verteidigt und sich gegen unlauteren Wettbewerb und Trittbrettfahrer zur Wehr setzt ist ihr gutes Recht. Ich wäre an Stelle von studiVZ auch gegen erstiVZ vor-, vielleicht aber auch erst mal auf sie zugegangen. Ein unmittelbares anwaltliches Vorgehen ist bei Weitem nicht die einzige Option. Dieses Verhalten zeigt nur wieder die Schizophrenie, aber auch die Nervosität einer Firma, die durch ihre schnelle hohe Bewertung arg unter Leistungsdruck geraten ist.

Peter Großkopf hat erstiVZ vorerst vom Netz genommen und kündigt die Einrichtung eines Spendenkontos an. Er hofft noch auf eine gütliche Einigung. Sobald es dazu Details gibt, werde ich sie weitergeben.

Geld oder Leben

13. Februar 2008

Zeit ist Geld, heißt es. Zumindest sind Zeit und Geld elementare Bestandteile im Tauschgeschäft der arbeitsteiligen Gesellschaft. Wir verkaufen unsere Zeit für Geld und zahlen dafür, Zeit zu sparen oder die, die uns bleibt, angenehm zu vebringen.

Bei diesem Tauschgeschäft versuchen wir verständlicherweise, einen für uns möglichst günstigen Wecheslkurs herauszuschlagen. Beim Verkauf unserer Arbeitszeit gehen wir aber meist von einem weitgehend fixen Zeitkontingent aus und versuchen, die Menge verdienten Geldes zu erhöhen. Soll heißen: Standard ist eine knappe 40-Stunden-Woche. Manche sind weit drüber, viele weit drunter, klar. Aber das ist Norm und Orientierungswert. Es gibt volle und halbe Stellen usw. und alles orientiert sich an diesem Standard: 5 Tage à 8 Stunden.

Was wäre nun, wenn wir von der anderen Seite an das Geschäft herangehen und definieren, welche monatliche Summe uns zum Leben reicht und versuchen, mit möglichst geringem Einsatz von Lebenszeit (und/oder dem geringsten „Arbeitsleid“) da heranzukommen? Ich definiere eine Summe Geldes, mit der ich ein sorgenfreies, angenehmes Leben führen kann und erkläre die zu meiner Norm. Und wenn ich an diese Summe in – sagen wir – 10 Wochenstunden herankomme, habe ich ca. 120 Stunden  im Monat gewonnen zum Lesen, Spazierengehen, Gespräche führen usw.

Es geht hier keineswegs um verkappten Sozialismus. Der eine wird seine Zeit immer teuerer verkaufen können als der andere, und das ist gut so. Es geht um die Perspektive: Geht es uns um mehr Geld oder um mehr (schöne) Zeit? Ich bin mir selbst noch nicht sicher, ob man den Ehrgeiz, mit anderen in allgemein anerkannten Maßstäben wie dem monatlichen Einkommen (und nicht dem Stundensatz) gleichzuziehen, überwinden kann. Ob man das überhaupt will. Aber im Moment gefällt mir der Gedanke.

Papier ist geduldig – Brockhaus nur noch online

12. Februar 2008

Robert erwähnt es nur der Vollständigkeit haber, für mich markiert es einen – subjektiven – geschichtlichen Wendepunkt: Der Brockhaus soll nicht mehr auf Papier erscheinen. Die 21. Ausgabe wird voraussichtlich die letzte sein, meldet Wikipedistik. Nach Millionenverlusten will der Herausgeber-Verlag BIFAB sein Geschäft mit der Enzyklopädie nun online machen.

Was bedeutet das faktisch? Eine Menge Bäume bleiben stehen (ich geh gleich draußen mal einen umarmen und erzähl ihm das), eine Menge Regalbretter bleiben leer (wie reagiert IKEA?) und das gesammelte Brockhaus-Wissen wird kostenlos online verfügbar (Werbung machts möglich).

Was bedeutet das emotional? Ich mag Papier, Rascheln, Blättern. Als Kind habe ich mit meinem Vater Nachmittage vor dem Brockhaus zugebracht. Wir sind von einem Stichwort aufs nächste gekommen, auf die abwegigsten Dinge. Der Brockhaus stand ganz oben im Regal, unerreichbar. Mein Vater kam dran oder hob mich hoch und war sozusagen der Gatekeeper zum Wissen der Welt. Dass ich irgendwann auf einem Stuhl und Zehenspitzen selbst einen Band rausangeln konnte, war für mich ein Meilenstein. Schade, dass ich mit meinen Kindern vielleicht vor einem Bildschirm sitzen muss und sie Wissen nicht mehr be-greifen können. Aber vielleicht ist das falsche Sentimentalität und die Vorteile überwiegen doch.

Robert fragt, wie man an der Dominanz von Wikipedia kratzen möchte. Ein entscheidender Faktor könnte sein, wie gut es BIFAB schafft, sich auf aktuellen Content einzustellen. Die Produktionszyklen müssen radikal umgestellt werden, von Monaten oder gar Jahren auf Tage. Wenn ich im Online-Brockhaus geprüften und ausgewogenen Content zu Themen finde, die mich momentan interessieren, würde ich solche Artikel ggf. sogar der Wikipedia vorziehen. Warum auch nicht? Die Wikipedia ist fantastisch, aber darüber muss man ihre Schwachstellen nicht ignorieren.

Vielleicht noch entscheidender: Schüler und Studenten werden in den nächsten paar Jahren noch mit dem „Wikipedia ist nicht zitierfähig“-Dogma sozialisiert. Wikipedia ist deshalb so beliebt, weil sie kostenlos Wissen verfügbar macht und vielen Lernenden die Recherche vereinfacht. Wenn sie ihre Quelle dann nicht einmal mehr verschämt verschweigen müssen, um so besser!

Ich bin gespannt, wie BIFAB mit der Werbung umgehen wird. In einer Enzyklopädie könnte mich das noch mehr stören als in Suchmaschinen und Social Networks. Irgenwie imponiert mir, bei aller bisheriger Verweigerungshaltung des Verlages, das absolute Bekenntnis zum relativen Neuland Internet. Aber jetzt schau ich auf mein Konto, ob ich mir noch den letzten 30-bändigen Print-Brockhaus leisten kann. Hier steht schon ein fünfbändiger, ein Geschenk meines Vaters. Aber wie gesagt, ich mag Papier.

Update: Robert weist auf eine Pressemeldung hin, nach der uns auch die Druckversion erhalten bleiben soll.

Nix Dunkeldeutschland!

11. Februar 2008

…das Barcamp Mitteldeutschland war im Gegenteil sehr erhellend! Es lag sicher auch an meiner selektiven Wahrnehmung und meiner Session-Belegung, aber ich hatte den Eindruck, es ging recht viel um Wikis für Wissensmanagement und interne Unternehmenskommunikation, zum Beispiel zu Wikipatterns, was ich sehr interessant fand. Wie gesagt, vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich beratungsmäßig und bei sonntagmorgen im Moment dauernd damit zu tun habe.

A propos sonntagmorgen: Aus unserer bisher mit Abstand größten Live-Kaffee-Demo haben wir ein rundum positives Fazit ziehen können. Es war, als wir da waren, weit weniger stressig als gedacht und so weit ich bisher gehört und gelesen habe, waren die anderen Barcamper hochzufrieden. So hatten wir die Gelegenheit, bei zahlreichen Sessions dabeizusein.

Eine hat mich gedanklich ganz besonders beschäftigt: „5 wild ideas in 45 minutes“ von Oliver Gassner. Über Prediction Markets will ich mich in Zukunft noch schlau machen. Eines der wenigen Schlagworte, für die es noch keinen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel gibt. Das macht es um so interessanter.

Was mir noch nicht endgültig einleuchten wollte, ist sein Erlös-Verteilungssystem für den Longtail. Der Vorteil soll sein, Micropayments von Cent-Bruchteilen zu vermeiden und nicht warten zu müssen, bis z.B. 20 Euro für eine Auszahlung aufgelaufen sind. In dem einleuchtenden, aber komplexen System sollten die Produzenten von User Generated Content z.B. einer werbefinanzierten Seite in Gruppen aufgeteilt werden, in denen reihum eine größere Summe ausgezahlt wird:

Nach festgelegten Kriterien wird jeweils zwischen Head und Tail unterschieden, dann der verbleibende Tail wieder in Head und Tail unterteilt etcpp., bis bei der letzten Teilung mehr User im Head als im Tail wären. Immer wenn eine Summe Geldes zur Verteilung stünde, würde zunächst für den ersten jeder der entstandenen Gruppen ein fixer Betrag ausgezahlt, in der nächsten Runde für den zweiten usw.

Nun die Sinnfrage: Warum ist das besser als jedem Produzenten erst etwas auszuzahlen, wenn eine bestimmte Schwelle erreicht ist? Nach diesem System dauert es doch noch länger, bis die Auszahlung den letzten im Longtail erreicht. Kann mir da jemand helfen?

Erhellend waren aber nicht nur die Sessions, sondern auch das Wetter, und so konnte ich besonders am Sonntag die Aussicht auf das Jenaer Umland genießen. Notiz an mich selbst: Ich möchte in einer Gegend wohnen, die einen sichtbaren Horizont zum Draufgucken hat. Sorry, Münster!

Danke an die Organisatoren Lars, Holger und Tina und an alle Helfer. Im Gegensatz zu vielen anderen hat mir ein funktionierendes W-LAN nicht gefehlt: Ich habe das Experiment eines Laptop-losen Barcamps gewagt und es ist gelungen! So hatte ich viel mehr Zeit für persönliche Gespräche und kleine Auszeiten. Viel wichtiger wäre mir genau deswegen aber ein gemeinsames Essen gewesen. Wenn schon jede Menge MyMuesli-Dosen dastanden, hätten Schalen und Milchtüten nicht geschadet, und in einem breiten Korridor um die Mittagszeit haben sich die Teilnehmer in alle Winde zerstreut. Versteht das aber als Jammern auf hohem Niveau: Es war schön, so viele neue Leute kennen zu lernen und eine schöne Gegend Deutschlands zu bereisen, die ich bislang nicht kannte. Ich hoffe auf ein nächstes mal und freu mich schon.

„Super Tuesday“ aus der Vogelperspektive

5. Februar 2008

Faszinierend und fesselnd ist der Blick auf die US-“Primaries“, die Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur, den ein Mashup aus Google Maps und Twitter namens Twittervision bietet. Eine Landkarte voller Meinungen ganz normaler Menschen. Na gut, so weit man Twitteruser als „ganz normal“ einstuft.

Twittervision verortet die 140-Zeichen-Statements der Twitter-User auf der virtuellen Landkarte von Google Maps. So sieht man dort nun alle paar Sekunden eine neue Nachricht von irgendwo aus den Staaten und häufig auch aus Europa, zumeist Aufforderungen zum Wählen oder Parteinahmen für den einen oder anderen Kandidaten, aber auch Kommentare zum Ablauf und Drumherum.

Es lohnt sich, diese kleine Welt für ein paar Minuten aus dieser neuen Perspektive zu betrachten in dem Wissen, dass man gerade einen winzigen Ausschnitt aus der unfassbar großen Menge individueller Perspektiven zu sehen bekommt, die sich in Kürze auf einen einzigen Menschen einigen sollen, um ihr Land durch die nächsten vier Jahre zu führen.

Das Internet ist etwas wunderbares. Demokratie ist ein kleines Wunder.